Neujahrsansprache – die wahre

Die ungehaltene Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin Silvester 2015

Autor: Lutz Martiny

„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

2015 wird als ein Jahr in unserer Erinnerung bleiben, das anders verlaufen ist, als wir uns das Anfang dieses Jahres vorstellen konnten.

Der Vormarsch des IS in Syrien und im Irak, das Wiedererstarken der Taliban in Afghanistan, die Gräueltaten der Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria, die Anschläge von Paris im Januar und November, die Millionen Flüchtlinge auf der Welt, die jetzt auch Europa und besonders Deutschland erreichen und hier bei uns zu einem Erstarken der Rechtsradikalität führen, sollten Anlass genug sein, unsere geopolitischen, sozialpolitischen und wirtschaftspolitischen Entscheidungen der vergangenen Jahre in Deutschland, aber auch in der Europäischen Union und der NATO grundlegend zu überdenken. Wir müssen die Ursachen dieser Ereignisse erkennen und sie beseitigen.

Deutschland ist eine der führenden Wirtschaftsnationen dieser Erde. Wir erwirtschaften aber einen großen Teil unseres Reichtums dadurch, dass wir andere Länder dieser Erde ausbeuten und ihnen unsere Produkte verkaufen, anstatt es ihnen zu ermöglichen, ihre Rohstoffe selbst in Produkte umzusetzen. Wir sind drittgrößter Waffenexporteur der Welt, verdienen also an den kriegerischen Auseinandersetzungen dieser Welt. Wir sind durch unsere Wirtschaftspolitik und unsere Waffenlieferungen Mitverursacher der Krisen und Flüchtlingsströme in dieser Welt. Damit muss Schluss sein. Wir in Deutschland können es uns leisten, mit einer neuen Politik anzufangen und das tun wir am besten im eigenen Haus. Wir haben uns aus der Atomkraft verabschiedet, wir können auch neue Politik, ohne unseren Wohlstand zu gefährden.

Ich weiß, ich habe Ihnen im zu Ende gehenden Jahr mit meiner Äußerung zur Flüchtlingsfrage Einiges zugemutet, was erfreulicherweise nur von wenigen Unverbesserlichen als Zumutung aufgefasst wurde. Um Sie im Neuen Jahr nicht wieder zu überraschen, möchte ich die Gelegenheit nutzen, Ihnen zu erläutern, was ich im nächsten Jahr einzuleiten gedenke und, so Sie es mir ermöglichen, nach der Wahl 2017 fortsetzen möchte, zur Not auch mit wechselnden Mehrheiten im Bundestag:

Wegen der Flüchtlinge benötigen wir ein Einwanderungsgesetz. Aber nicht nur wegen der Flüchtlinge, wir brauchen ein solches Gesetz auch, weil die deutsche Bevölkerung schrumpft und wir sonst überaltern. Bei der Formulierung dieses Gesetzes sollten wir uns an das vorbildliche kanadische Gesetz halten und aus den kanadischen Erfahrungen lernen.

Die Zukunft unseres Landes liegt in der Jugend. Was also liegt näher, als dieser Jugend auch eine erstrebenswerte Zukunft zu ermöglichen? Das können wir am besten, indem wir Kindern und Jugendlichen eine bedingungslose finanzielle Grundsicherung geben, damit es Kinderarmut in Deutschland nicht mehr gibt und alle Kinder in die Lage versetzt werden, eine ihren Fähigkeiten entsprechende Ausbildung durchlaufen zu können.

Die Zukunft unseres Landes liegt auch in einem attraktiven und durchlässigen Bildungssystem. Die Betonung, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liegt auf „einem“ Bildungssystem. Wir leisten uns aufgrund unseres föderalistischen Systems 16 Bildungssysteme, die keine vergleichbaren Leistungen erzeugen, sondern mehr parteipolitische Experimentierplätze an Heranwachsenden sind. Wir werden die Schulpolitik aus der Verantwortung der Länder herauslösen und in die Verantwortung des Bundes legen.

Wo wir gerade bei unserem föderalistischen System sind: Auch sechzehn Bundesländer sind zu viel. Das Land Berlin hat vorgemacht, dass man aus sechszehn Bezirken sehr wohl acht machen kann. Warum sollte uns das im Bund nicht auch gelingen?

Ich sprach von den Ursachen des Terrors und der kriegerischen Auseinandersetzungen im ablaufenden Jahr. Die Waffenindustrie in Deutschland beschäftigt weniger als ein Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und trägt weniger als ein Prozent zum Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik bei. Wir können es uns leisten, der Waffenindustrie aufzugeben, binnen fünf Jahren sich neue Geschäftsfelder zu suchen und die Waffenproduktion einzustellen.

Die Wirtschaft muss lernen, dass der Artikel 14 Satz 2 im Grundgesetz „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“ keine Floskel ist. Wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, dass durch die technologische Entwicklung zwar immer wieder neue Arbeitsplätze entstanden sind, während automatisierbare Arbeitsplätze verschwanden, aber dieses wird nicht so bleiben. Mittelfristig werden mehr Arbeitsplätze durch Automatisierung wegfallen als Arbeitsplätze mit höheren Qualifikationsanforderungen entstehen werden. Dadurch wird die Finanzierung unseres gegenwärtigen Sozialsystems in Frage gestellt. Wir werden also unser Steuersystem grundlegend modernisieren müssen und der Produktivität des Internets der Daten, Dinge und Dienste anpassen. Wenn immer weniger Menschen in die Sozialsysteme einzahlen, muss die Produktivität der gesamten Wirtschaft die Finanzierung des Sozialstaates sicherstellen. Wenn der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen stark macht, dann weist er auch auf das drängende Problem der Altersarmut hin, dem die Regierung konkrete Schritte folgen lassen sollte, dass dieses Ziel langfristig zum Wohle aller erreicht wird.

Ein wichtiges Ereignis des Jahres 2015 war auch der Klimagipfel in Paris. Er hat konkrete Klimaziele formuliert, es leider aber den einzelnen Staaten überlassen, wie sie die Umsetzung kontrollieren. Wir werden in Deutschland auch hier Zeichen setzen, sowohl in der Energieversorgung, als auch in der klimaschonenden Nutzung der Energie. Mit Energie versorgt zu werden, ist aus meiner Sicht ein Menschenrecht, das nicht dem freien Spiel des Marktes unterliegen darf. Wir werden also die Energieversorgung in Deutschland wieder in staatliche Hände überführen, um so sicherzustellen, dass Energie auch für jeden bezahlbar bleibt. Um klimaschädliche Emissionen durch den Individualverkehr zu reduzieren, werden wir den öffentlichen Personennah- und Fernverkehr ebenfalls vollständig in die öffentliche Hand geben und ausbauen. Mobilität darf im 21. Jahrhundert nicht vom eigenen Geldbeutel abhängen, deshalb muss der Öffentliche Personen-Verkehr grundsätzlich von der öffentlichen Hand finanziert werden und für jeden kostenlos sein.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, Sie werden jetzt fragen, wie das alles finanziert werden soll. Wie bereits gesagt, werden wir unser Steuersystem grundlegend ändern müssen. Das bedeutet, wir können es auch vereinfachen. Wir können Schlupflöcher beseitigen, Ausnahmen abschaffen. Vor Weihnachten sah ich eine Grafik, dass in Deutschland der Preis eines Tannenbaumes, je nach dem was es für ein Baum ist, wo und wie er gewachsen ist und wer ihn verkauft zwischen 5,5% und 19% Mehrwertsteuer enthält. So einen Unfug haben wir in unserem gesamten Steuersystem. Wir sollten ein einfaches Steuersystem haben, dass dann auch durchgesetzt wird und nicht durch Tricks unterlaufen werden kann. Wenn Gewinne, die in Deutschland erzielt werden, auch in Deutschland versteuert werden, braucht der Finanzminister keine Sorgen zu haben.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

auch im kommenden Jahr warten viele Herausforderungen auf uns. Gemeinsam werden wir diese Herausforderungen meistern. In diesem Sinne wünsche ich von Herzen denen, die am heutigen Abend Kummer haben oder um einen lieben Menschen trauern, Trost und Beistand, und uns allen gemeinsam Kraft, Gesundheit und, für die, denen es ein Bedürfnis ist, ihres jeweiligen Gottes Segen für das neue Jahr 2016.“

Ich veröffentliche mit der freundlichen Genehmigung des Verfassers 🙂

Fraktionsarbeit 2014 – 2015

Ich habe sehr lange nichts mehr geschrieben, das sich gelohnt hätte, in diesem Blog zu landen – oder zu enden, wie man will.
Das Vorhaben, regelmäßig über politische Aktivitäten zu berichten, wurde eben von diesen Aktivitäten genauso regelmäßig ausgebremst.
Seit Ende Juni 2014 sitze ich im Kreistag Paderborn als Abgeordnete der Piratenpartei – als Einzelkämpferin.
Mehr war hier nicht zu erreichen und das war schon viel.
Die Zusammenarbeit mit den zwei Abgeordneten der Linken in einer Fraktion ist möglich, weil erstens Parteien auf kommunaler Ebene anders ‚ticken‘ als im Bund und zweitens sind unsere Vorstellungen über eine gute Politik im Kreis Paderborn nahezu identisch.
Die Schläge kamen dann auch nicht aus unserer Zusammenarbeit sondern durch Krankheit und Tod.
Mein Herzinfarkt im Oktober 2014 ließ zwei Linke allein im Kreistag zurück, den Vorsitz hatten wir gedrittelt: 2 Jahre die Linke, 2 Jahre ich, 2 Jahre wieder die Linke.
Im Januar 2015 war ich nach einer ausgiebigen Reha wieder einsatzbereit. die Arbeit ging – ohne Probleme – weiter.
Am 25.Januar dann der Tod unseres Fraktionsvorsitzenden Karl-Heinz Prowald durch Herzinfarkt. Der Schock saß tief, die Lücke, die er hinterließ, auch.
Für kurze Zeit war ich dann Fraktionsvorsitzende, da ich vorher Prowalds Stellvertreterin gewesen war.
Ein Nachrücker der Linken kam – ihn kannte ich schon aus dem 2013er Wahlkampf.
Wir saßen hier und da gemeinsam auf Podien zur Befragung aller Bundestagskandidaten und verstanden uns gut. So waren wir also wieder zu dritt und Andrea Musiol wurde zur Nachfolgerin von K.-H.Prowald gewählt.
Ich belege genau die mir wichtigen Ausschüsse Schule und Sport, Kultur und den Jugendhilfeausschuss.
In anderen Ausschüssen und Gremien bin ich Vertreterin, und abgesehen von mehr als reichlich Lesestoff ist der Arbeitsaufwand ohne Probleme zu schaffen.
Im November erwischte uns dann ein unvorhergesehener Wechsel:
Die Fraktionsvorsitzende Andrea Musiol gab aus persönlichen Gründen den Vorsitz ab, und der „Neue“ Siegfried Nowack, musste in’s kalte Wasser springen und den Vorsitz bis zur Übergabe an mich im Juni 2016 übernehmen.
Wir haben das gut hingekriegt, er hat gleich seine Haushaltsrede schreiben dürfen und mit Hilfe der sachkundigen Bürger – davon haben wir sechs – haben wir eine gute Rede erarbeitet, in der mehr Herzlichkeit und Menschlichkeit lebt als in den meisten Politikerreden.
An den richtigen Stellen blitzt auch der so nötige Biss auf.
Ich veröffentliche diese Rede hier, weil sie außer von einem Landrat, einigen Verwaltungsmitgliedern und 60 Abgeordneten von niemandem gehört oder beachtet werden wird – am 14.12.2015

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Landrat,

stellen Sie sich doch einmal vor, es ist mitten in der Nacht und Sie schlafen friedlich, umgeben von ihrem Lebenspartner und Ihren Kindern. Auf einmal klopft oder klingelt es und Sie werden von uniformierten Polizisten aus dem Schlaf gerissen. Sie müssen Ihre wenigen Habseligkeiten zusammen packen, und dann bringen diese Polizisten Sie und Ihren Partner mit den verwirrten und verängstigten Kindern auf dem Arm zum Flughafen. Und ein paar Stunden später stehen Sie wieder in der trostlosen sozialen, politischen Situation, aus der Sie gekommen sind: mit nichts außer ihrem Leben. Aber auf jeden Fall stehen Sie ohne Ihre Würde da, der Würde, mit der Sie sich aus ihrem Elend auf den Weg nach Deutschland gemacht hatten.
Dies ist die Weihnachtsgeschichte 2015, wie sie hier in Deutschland praktiziert wird und im Kreis Paderborn Anfang November mit einer Familie aus Albanien durchgeführt wurde.
Wie menschlich ist das eigentlich? Wie fühlt man sich, wenn man für so eine Aktion die politische Verantwortung trägt oder mitverantworten muss? Die Stadt Paderborn hat sich selbst verpflichtet, auf solche Praktiken zu verzichten. Folgen Sie diesem Beispiel:
Die Kreisausländerbehörde muss endlich aufhören, Menschen und Familien nachts abzuholen und abzuschieben!
Was wir brauchen, ist ein allgemeiner Winter-Abschiebungsstopp!

Und das dringlichst und das ist das Mindeste!

Was tuen die Verwaltung, der Landrat und die Politiker eigentlich gegen so eine Art und Weise von Abschiebung? Was unternehmen Sie im Verbund mit anderen Städten und Kreisen gegen eine solche Art und Weise der Gesetzgebung, mit der man Länder einfach im Handumdrehen zu sicheren Herkunftsländern erklärt?
Oder sind Sie nur noch in der Lage, den Unsinn zu streuen, dass auf dem Balkan keine politische Verfolgung erkennbar ist, wie es im Vorbericht auf Seite 7 des Haushaltsentwurf geschrieben steht?
Ja, das stimmt: Nicht alle Flüchtlinge und Asylsuchenden werden politisch verfolgt, oder sind Opfer eines Krieges. Dabei verkennt man doch, dass viele dieser Menschen Minderheiten in ihrer Heimat sind und sie aus ethnischen Gründen unterdrückt, vergewaltigt und verfolgt werden. Wir rüsten sie finanziell etwas auf und schieben diese Menschen in ihre Ausweglosigkeit zurück. Das ist erbärmlich!

Hier im Kreis Paderborn leben Menschen, ja ganze Familien seit Jahren, manche sogar seit Jahrzehnten, als Geduldete mit einem Arbeits- und Ausbildungsverbot und einer Residenzpflicht. Sie dürfen ihren Unterhalt nicht selbst erarbeiten und das nur, weil ihr Identitätsnachweis selbst nach jahrelangen und demütigenden Bettelgängen bei Konsulaten kein Ergebnis gebracht hat. Die Jüngeren dürfen nach dem Schulabschluss nicht studieren, sie dürfen keine Berufsausbildung beginnen und sie dürfen nicht an Klassenfahrten teilnehmen, weil es ihre Residenzpflicht verletzt. Wirklich verletzt sind aber die Seelen dieser Menschen: Sie schämen sich dafür, dass sie vom Sozialamt Geld bekommen fürs Nichts-Tun. Sie können nicht stolz auf sich selbst und sie können es nicht gegenüber den eigenen Kindern und den Nachbarn sein.
Ich betreue so eine Familie und erlebe, wie diese Menschen krank und depressiv werden – obwohl sie Angebote von Arbeitgebern haben.
Und genau da schmeißen wir das Geld zum Fenster raus!

Die Lebenskosten einer vierköpfigen Familie betragen ca. 25.000,- Euro plus Gesundheits- und Verwaltungskosten von Pi mal Daumen 8.000,- Euro. Dabei kommt es darauf an, wie krank die Menschen werden oder schon sind. Davon belastet 1/3 den Haushalt – das sind gute 11.000,- Euro im Jahr.
Es muss eine Altfallregelung her und wir müssen diesen Menschen endlich ihre Würde zurückgeben und das Identitätsfestellungsverfahren aufgeben. Damit können wir die anwachsende Zahl der Bedarfsgemeinschaften senken und den Kreishaushalt entlasten. Das wäre eine Maßnahme!
Nur mit der Lösung dieses einen Falles hätten Sie locker 55 % der Summe zur Verfügung, um den Zuschuss für Pro Familia zu tragen.
Seit sieben Jahren wird der Antrag von Pro Familia auf finanzielle Unterstützung vom Kreis abgelehnt. Und das eine Mal 2009, das Sie mit getragen habe, hat dann wohl den einen und anderen Posten gekostet. Bei so mancher Wortmeldung im Sozial- und Gesundheitsausschuss am 26.11.2015 hatte ich den Eindruck, dass die hier rechts vor mir sitzende Seite die Begründung und den Beschluss selbst verfasst hat.
Wie eine Monstranz tragen Sie die angebliche Besonderheit des Kreises Paderborn vor sich her, was die bevorzugte Förderung von kirchlichen Einrichtungen rechtfertigen würde.
Und weil Sie dieser Monstranz hinterher laufen, sehen Sie nicht, was um Sie herum geschieht: Die religiöse und vor allem die kulturelle Vielfalt hat längst Einzug gehalten in unseren Kreis. Und für 20.000,- Euro hätten Sie einen bundesweit anerkannten Träger halten können, der eben diese Vielfalt, dieses Spektrum von Menschen, die eben nicht in die anderen Einrichtungen gehen – aus welchem Grund auch immer – beratend abdeckt.
Mit fast 10 Vollzeitstellen, anstatt der gesetzlichen Mindestquote von 7,55 Stellen, hätten Sie sich mal auf die Brust klopfen dürfen, weil Sie über der Mindestanforderung des Landes liegen und allen Ratsuchenden ein gutes, ausgeweitetes Angebot vorgehalten hätten.

Sechs Arbeitsplätze sind mit dieser Einrichtung verbunden, die dann wegfallen und ca. 120.000,- Euro Bezuschussung vom Land stehen für die Beratung dem Kreis Paderborn nicht mehr zur Verfügung.
Da beißt sich doch die Katze in den Schwanz!
Selbst in der Ablehnungsbegründung geht man auf einen steigenden Bedarf ein und statt auf diesem Level zu bleiben und vorzubeugen, minimieren Sie das Angebot, obwohl Sie sehen, dass dieser stark steigende Bedarf auf uns zu rollt.
Dann prost Mahlzeit!

Und da wir gerade beim Rollen sind, mache ich da mal weiter:
Es ist nicht einfach, hier im Kreis Paderborn und in den dazu gehörigen Städten und Gemeinden, mobil zu werden. Es ist auch keine Frage: Frau Mühlhoff macht eine wirklich gute Arbeit und immerhin hat es ja einige Gespräche mit der Stadt Paderborn, mit dem Finanzamt, mit der Agentur usw. auch zu dem Thema CarSharing gegeben. Die Stadt Paderborn rennt uns gerade davon und wir warten jetzt erst mal, bis der Landrat unaufgefordert auf uns zu kommt. Was sagt uns das denn? Ist Mobilität jetzt Chefsache und wir warten auf den Chef?! …und wenn der Chef nicht kommt? …oder zu spät? Was dann?
Die Stadt und der Kreis verändern sich immer schneller und gravierender: Flüchtlinge, Studierende, ältere Menschen, Familien oder Menschen mit Behinderungen, StädterInnen oder BewohnerInnen aus dem Umland, haben deutlich unterschiedliche Bedürfnisse und Ansprüche an ein Mobilitätskonzept.
Ich wünsche mir, dass der Kreis Paderborn in Sachen Mobilität eine Vorreiterrolle übernimmt, dass wir in dieses innovative und zukunftsträchtige Thema investieren. Es wäre doch toll, wenn wir nicht nur auf den Landrat warten, sondern eine interfraktionelle Arbeitsgruppe bilden, Visionen gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern und den Kreiskommunen entwickeln. Vielleicht sollten wir einen Wettbewerb ausrichten: Wie stellen sich Bürgerinnen und Bürger Mobilität im Kreis und in der Stadt Paderborn vor?
Träumen ausdrücklich erlaubt!
Wie viele tolle Ideen könnten da abseits der eingefahrenen Kreistagsabgeordnetengedanken entstehen? Politisch unabhängig und unkonventionell. Wir lassen gerade eines der wenigen Themen sausen, welches sich auf Kreisebene richtig gut für eine Bürgerbeteiligung eignet. Schade!

Ach, da rollt ja noch mehr bei uns im Kreis: Da rollt ja das 60-plus-Abo so richtig ab. Freie Fahrt für die ab 60. Klasse! Und natürlich macht das der Preis. Für 42 Euro fahre ich in 3 Jahren, denn dann werde ich 60, im gesamten Kreis Paderborn und Höxter Bahn und Bus. Vielleicht auch schon im gesamten westfälischen Land. Dann natürlich mit dem westfälischen Tarif.
Super! Ich find’s einwandfrei. Da brauch ich kein Auto mehr und wenn ich mal eins brauch, dann hoffe ich, dass der Landrat schon da war und ich mir ein Auto pumpen („carsharen“) kann.
Aber da ist ja noch etwas: Was ist mit den sozial Benachteiligten unter uns? Wie glücklich würden sie sein, von so einem – nennen wir es Sozialticket – Gebrauch machen zu können? Warum wird diese Bevölkerungsgruppe da nicht mit eingeschlossen?
In 2014 waren nach dem Paritätischen Wohlfahrtsverband 14% der Menschen im Kreis armutsgefährdet. Dabei ist die Kaufkraft hier höher als im NRW-Durchschnitt. Was für eine soziale Kluft tut sich da auf?
Wir haben schon mehrfach einen Antrag auf die Einführung eines Sozialtickets gestellt. Es wird Zeit zum Handeln.
Mehr öffentlicher Nahverkehr, mehr Anbindung des Umlandes an die Städte, sozial verträgliche Preise, ein guter Beitrag zum Umwelt-, Natur-, und Klimaschutz und vielleicht auch den ein oder anderen Flüchtling in Zukunft weniger –
in Paris, nebenbei bemerkt, wurde uns gerade vorgerechnet, wie viele Klimaflüchtlinge wir mit unserer Lebensweise produzieren.

Meine Damen und Herren, kommen wir zu einem Thema, das man auch mit dem Titel überschreiben könnte: „Willkommen im Tal der Ahnungslosen“!

Ich kannte mal so ein Tal. In diesem Tal lag Dresden. Dresden liegt da immer noch, aber das Tal ist nicht mehr ahnungslos.
Doch der Kreis Paderborn gibt sich ahnungslos.

Da haben wir an der Universität Paderborn einen deutschlandweit geachteten Fachbereich Informatik, wir haben neuerdings ein Fraunhofer Institut in der Forschungsmeile, wir haben das Cluster Intelligente Technische Systeme Ostwestfalen Lippe, its -OWL genannt, ganz zu schweigen von den vielen Tausend Arbeitsplätzen in Stadt und Kreis, an denen Hard- und Softwareentwicklung betrieben wird.
Und was sagt der Kreistag zum Antrag der Fraktion die Linke/Piraten, Gebäude des Kreistages für Freifunk zur Verfügung zu stellen? Der Kreistag überweist den Antrag an den Ausschuss für Wirtschaft, Bau und Verkehr. Das ist legitim. Der Vorsitzende lässt den Antrag erstmal neun Monate lang liegen und bestellt schließlich einen externen Gutachter. Ist auch legitim. Was hat der Gutachter eigentlich gekostet? Das zeigt uns aber, welchen Stellenwert der Einsatz neuer Technologien für die Mehrheit hier im Kreistag einnimmt.
Und um es nicht zu vergessen: Wir haben in Paderborn erfolgreich arbeitende, sehr kooperative Freifunker, die im Hochstift auch schon einiges bewegt haben, die außerdem jederzeit bereit sind, kostenlos zu informieren und zu arbeiten. Ja, sie hören richtig: Die nehmen kein Geld!
Ja und wenn nun für die Kreistagsfraktion der CSU – ja, Sie haben schon wieder richtig gehört – der CSU im Kreistag des Landkreises Regensburg die Verfügbarkeit eines schnellen, kostenlosen und drahtlosen Internetzugangs zum integralen Bestandteil einer digitalen Grundversorgung gehört, dann sind die Hinterwäldler offensichtlich im Kreis Paderborn zu finden und nicht im bayrischen Wald.
Willkommen also im Tal der digitalen Ahnungslosigkeit: Sie bremsen mit diesem Verhalten Ihre eigenen wirtschafts- und bildungspolitischen Zielsetzungen.

Meine Damen und Herren,
ihre Vorgehensweise, unsere unliebsamen Anträge zu Zeiten der Linksfraktion wie auch der derzeitigen Fraktion DieLINKE/Piraten abzulehnen werden wir aushalten – bis wir Sie überzeugt haben.
Weil Sie Pro Familia finanziell ausbluten lassen und die kirchlichen Einrichtungen spendabel bevorzugen, weil Sie weiterhin an den RWE Aktien kleben und weil Sie weitere Millionen mit dem Flughafen Paderborn zum Himmel schießen, werden wir nach langer Diskussion dem Haushalt 2016 heute hier nicht zustimmen.

Zu guter Letzt:
Wir erleben seit geraumer Zeit, dass die von uns mitverursachten Probleme zu uns kommen. Sie kommen mit den notleidenden Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, aus welchem Grund auch immer.
Viele ehrenamtliche Helfer haben die Arbeit angepackt. Ohne sie ist es nicht zu schaffen, denn zu lange ist in der Politik gezögert worden, die eigene Verantwortung zu sehen.
Diese aktive Hilfsbereitschaft, die es sogar geschafft hat, das politische Handeln zu verändern: Diese Herzlichkeit verdient Respekt!
Nochmal Danke an die, die anpacken und den geflüchteten Menschen helfen, sie begleiten, sie aufnehmen und ihnen zuhören und vieles mehr.
Allen ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr.
Vielleicht hat der eine oder andere in diesen besinnlichen Tagen Zeit, tiefer über uns und unsere Welt nachzudenken und kommt geläutert im neuen Jahr hierher in den Kreistag zurück.

Danke fürs Zuhören.